„Gaza ist ein von Zerstörung umgebenes Gefängnis“

Put Your Soul on Your Hand and Walk: Porträt einer jungen, von der IDF bedrohten palästinensischen Künstlerin

Put Your Soul on Your Hand and Walk ist ein außergewöhnlicher Dokumentarfilm. Die Regisseurin Sepideh Farsi, eine iranische Filmemacherin, die im Exil in Paris lebt, reiste Anfang 2024 an die ägyptisch-palästinensische Grenze, um den israelischen Völkermord in Gaza zu dokumentieren, wurde jedoch daran gehindert, das Gebiet zu betreten.

Put Your Soul on Your Hand and Walk

Im April 2024 befand sich Farsi in Kairo, wo sie palästinensische Flüchtlinge in der ägyptischen Hauptstadt filmte. Einer von ihnen, ein Mann, der gerade aus Gaza geflohen war, erzählte der Filmemacherin von Fatima Hassouna, einer „jungen, brillanten und talentierten Fotografin“.

Der Film beginnt, als Farsi zum ersten Mal Kontakt zu der 24-jährigen Fotojournalistin im Norden des Gebiets aufnimmt und sie bittet, das Leben unter der mörderischen israelischen Belagerung zu dokumentieren. Nach nur zwei Gesprächen entsteht die Idee, einen Film mit Interviews mit Fatima zu drehen, in denen sie ihr Leben und das der Menschen beschreibt, die in dem bombardierten Küstenstreifen gefangen sind. Die reichhaltigen und lebhaften Gespräche zwischen den beiden Frauen dauern fast ein Jahr. „Unser beider Leben ist vom Krieg geprägt“, sagt die Regisseurin, der bei einer Rückkehr in den Iran die Verhaftung droht.

Am 15. April 2025 gibt Farsi öffentlich bekannt, dass ihr Dokumentarfilm für die Filmfestspiele von Cannes 2025 ausgewählt wurde, und Fatima äußert den Wunsch, an der Weltpremiere von Put Your Soul on Your Hand and Walk  teilzunehmen. Farsi beendet das Telefongespräch mit der Bitte um Hassounas Reisepass. Am nächsten Morgen, dem 16. April, werden Fatima Hassouna und neun Verwandte im Schlaf bei einem gezielten israelischen Luftangriff getötet. So reagiert das faschistische Netanjahu-Regime auf die Aufdeckung seiner Verbrechen.

Kurz vor der Eröffnungsfeier der Filmfestspiele von Cannes wurde ein offener Brief publiziert, um Hassounas Ermordung zu verurteilen und die „Passivität“ und das „Schweigen“ der Branche zu den Ereignissen in Gaza anzuprangern. Mehr als 350 Schauspieler, Regisseure und Produzenten unterzeichneten diesen Brief, unter ihnen Richard Gere, Susan Sarandon, Joaquin Phoenix, Guillermo del Toro, Guy Pearce, Ralph Fiennes, David Cronenberg, Viggo Mortensen und Javier Bardem. Juliette Binoche, die Jurypräsidentin des Filmfestivals, würdigte Hassouna bei der Eröffnung des Festivals mit den Worten: „Sie müsste heute Abend hier unter uns sein (...) Die Kunst bleibt. Sie ist ein kraftvolles Zeugnis unseres Lebens und unserer Träume, und wir, das Publikum, nehmen sie in uns auf.“

In der Dokumentation beschreibt Fatima die unerträglich harten Lebensbedingungen und die Massenmorde an ihren Verwandten. Immer wieder wird die Fotojournalistin durch eine schlechte Internetverbindung unterbrochen. Die Videoanrufe, die sich hauptsächlich auf das unglaubliche Leid der Bevölkerung in Gaza konzentrieren, sind mit Fatimas Fotografien verwoben

Der Titel des Films stammt von einem Ausdruck, den Fatima verwendete, um ihre Arbeit als Fotografin in Gaza zu beschreiben: „Es ist, als würde man seine Seele auf die offene Hand legen und losgehen“, was bedeutet, dass sie jedes Mal, wenn sie hinausgeht, ihr Leben schutzlos dem Tod preisgibt, der jederzeit eintreffen kann. Dieser Satz fasst das Kernthema des Films zusammen: den Willen, inmitten einer Katastrophe zu überleben.

Der Dokumentarfilm stützt sich auf Handyvideos, teilweise schwer zu verstehende Audioaufnahmen und Standbilder, was ihm einen rauen, unmittelbaren Charakter verleiht, anstatt den Eindruck einer ausgefeilten Reportage zu erwecken. Der Ton ist emotional intensiv und ernst, aber nicht verzweifelt. Fatima scherzt oft, lächelt und beharrt auf Hoffnung. Der Film spielt häufig mit der Spannung zwischen ihrem Optimismus und dem Bewusstsein, dass sie möglicherweise nicht überleben wird.

Fatima lebt mit ihrer Familie in einer kleinen Wohnung in einem der besonders stark zerstörten Gebiete im Norden Gazas, umgeben von Ruinen und Trümmern. Zerbombte Gebäude, zerstörte Straßen und häufige Luftangriffe machen die Gegend physisch gefährlich, sodass schon das einfache Hinausgehen zum Fotografieren lebensgefährlich ist ...

Der Zugang zu Grundbedarf wie Nahrung, Wasser und Strom ist höchst unzuverlässig; mit der Zeit verschärft sich die Knappheit, und Fatima beschreibt, wie sie nach Essbarem sucht und „isst wie ein Tier“, um über die Runden zu kommen ...

Äußerlich bleibt sie optimistisch und lächelt oft, doch allmählich zeigen sich Erschöpfung und Depression, da immer mehr Freunde und Verwandte getötet werden und die Belagerung immer enger wird ...

Put Your Soul on Your Hand and Walk

Fatima spricht davon, dass es in Gaza „viele verschiedene Möglichkeiten zu sterben“ gibt, und offenbart damit ein Leben in ständiger Angst. Dennoch besteht sie darauf, in ihrem Land zu bleiben, und sie lässt sich nicht vertreiben.

Ihre Nachbarschaft wird wiederholt bombardiert, und sie dokumentiert die Zerstörung, wodurch Gewalt zu einem normalen Teil ihrer Umgebung wird. Zu Hause zu bleiben bietet am Ende auch keine Sicherheit, und tatsächlich wird sie mit ihrer Familie schließlich im Schlaf, bei einem Luftangriff, ermordet.

Leichen, Leichenteile und Blut gehören zum Alltag. Einmal wird der Kopf ihrer Tante gefunden.

Drohnen, Explosionen und einstürzende Häuser sind an der Tagesordnung, sodass jeder Ausflug mit ihrer Kamera das Risiko birgt, wie viele ihrer Kollegen getötet zu werden.

Fatima erlebt wiederholt Trauerfälle und beschreibt ihr Leben als umgeben von Tod, schwarzen und roten Farben sowie dem Geruch von Leichen. Sie freut sich sichtlich, wenn sie kleine Leckereien wie Kartoffelchips ergattern kann.

Viele verbringen die Zeit in überfüllten, provisorischen Unterkünften oder Zelten ohne Privatsphäre, Sicherheit oder Wärme. Familien leben auf engstem Raum und in einem Zelt zusammen, das bei schlechter Witterung einstürzen kann.

Vertraute Orte wie Stadien und Straßen verwandeln sich in Vertriebenenlager und „Geisterstädte“, was die psychische Belastung noch verstärkt, ihre Heimat in Trümmern zu sehen.

Fatima streift ohne festen Plan durch die Straßen und fotografiert die Zerstörung und die Überlebenden und trotzt den gleichen Gefahren, die ihr selbst drohen, da sie schließlich bei einem Luftangriff auf ihr Familienhaus ums Leben kommt.

Eine Journalistin wie Fatima, die aus dem Gazastreifen berichtet, ist unter der Blockade und während der Angriffe extremen, oft tödlichen Risiken ausgesetzt. Sie ist von Mord, Verletzung, Schikane und Hunger umgeben, während sie zu berichten versucht. Gaza ist für Journalisten einer der tödlichsten Orte der Welt. Viele Reporter und Kamerateams wurden dort bei tödlichen israelischen Luftangriffen, Beschuss und Schießereien bei der Arbeit schon getötet oder verletzt. In der Pressemappe zum Film heißt es: „Seit dem 7. Oktober 2023 sind schon mindestens 211 Journalisten und Medienmitarbeiter in Gaza von der israelischen Armee getötet worden.“

Medienmitarbeiter berichten, dass sie selbst dann angegriffen werden, wenn sie gut sichtbar mit der Aufschrift „Press“ gekennzeichnet sind, und dass ihre Redaktionen, die Autos und die Presseausrüstung bei Angriffen zerstört oder beschädigt werden. Zuweilen warnt die IDF sie in Telefonanrufen davor, weiter zu berichten, und es kommt zu Schikanen, Festnahmen und Misshandlungen bei Razzien und Militäroperationen.

Reporter im Norden Gazas arbeiten unter Belagerungsbedingungen: Sie haben nur wenig Nahrung, kaum sauberes Wasser oder Medikamente, und manchmal filmen sie, obwohl sie hungrig, geschwächt und übermüdet sind. So war es auch bei Fatima.

Die Blockade und wiederholte Angriffe zerstören die Infrastruktur, wodurch sichere Unterkünfte knapp werden und Journalisten gezwungen sind, zwischen Ruinen, Krankenhäusern und provisorischen Lagern hin- und herzuziehen.

Da ausländische Korrespondenten weitgehend von der Einreise nach Gaza ausgeschlossen sind, tragen lokale Journalisten fast die gesamte Last der Berichterstattung, oft ohne Schutzausrüstung, Unterstützungsteams oder sichere Fluchtwege.

Put Your Soul on Your Hand and Walk

Der Zugang zu Informationen wird systematisch eingeschränkt: Organisationen, die sich für Pressefreiheit einsetzen, haben schon gesperrte Websites, beschädigte Ausrüstung, beschlagnahmte Geräte und die Aufforderung zum Verlassen des Landes unter Androhung von Verhaftung dokumentiert.

Über physische Angriffe hinaus gibt es einen umfassenden „Krieg gegen die Berichterstattung“: Beschränkungen und Einschüchterungen zielen darauf ab, die lokale Berichterstattung aus dem Gazastreifen zum Schweigen zu bringen oder zu diskreditieren.

„Sie stehlen unser Geld, unsere Tradition. Sie stehlen alles“, wie Fatima erklärte. „Ich kann mich nicht konzentrieren. Ich kann nicht aufstehen. Ich kann nicht sprechen. Wir haben keine gesunden Lebensmittel.“

Eine Möglichkeit, sich auszudrücken, ist für sie die Poesie. So liest sie auf Farsis kleinem Handybildschirm ein Gedicht auf Arabisch vor:

„Der Mann, der seine Augen trug“

Vielleicht rufe ich
jetzt
meinen Tod herbei,
bevor der Mensch vor mir
sein Präzisionsgewehr lädt.
Dann endet es —
und ich end’
mit.

Stille.

„Bist du ein Fisch?“
Ich schwieg, als mich das Meer fragte.
Ich wusste nicht,
woher die Krähen kamen,
die sich in mein Fleisch verbissen.

Wäre es vernünftig gewesen
– zu sagen: Ja – ?

So lasst die Krähen sich
am End‘ herniederstürzen,
auf einen Fisch.

Sie ging hinüber –
ich nicht.
Mein Tod
schritt über mich hinweg.

Und eine scharfe Kugel
machte mich zum Engel
einer Stadt —
gewaltig,
größer als meine Träume,
größer als die Stadt selbst.

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