Fast 400.000 Menschen fliehen vor Waldbränden infolge der europäischen Hitzewelle

In Frankreich und Spanien wurden mehr als 375.000 Menschen durch Waldbrände aus ihren Häusern und Ferienunterkünften vertrieben. Die Brände wurden durch die dritte europaweite Hitzewelle in diesem Sommer ausgelöst, die damit die schlimmste Hitzewellen-Saison seit Beginn der Aufzeichnungen ist.

Die Zahl nähert sich unaufhaltsam der Marke von 400.000. Die Stadtverwaltung von Bordeaux erwägt bereits eine „vollständige Evakuierung, falls erforderlich“.

Rauch und Flammen eines Waldbrands nahe La Adrada in der spanischen Provinz Ávila am 24. Juli 2026 [AP Photo/Manu Fernandez]

Eine Hitzeglocke über Europa sorgt in vielen Ländern für Rekordtemperaturen. Beim ersten Höhepunkt Ende Juni lagen die Temperaturen in weiten Teilen des Kontinents 14 bis 18 °C über dem Normalwert, und seither ist sie nicht zurückgegangen. Als die jüngsten Brände ausbrachen, wurde in Casteltermini auf Sizilien am 18. Juli eine Temperatur von 48,4 °C gemessen – der höchste Wert, der während dieser Hitzewelle bislang in Europa registriert wurde. Am Donnerstag erreichten die Temperaturen im Südosten des spanischen Inlands und im Guadalquivir-Tal 44 °C.

Laut Innenminister Laurent Nuñez erlebte Frankreich „wahrscheinlich“ die bisher größte Evakuierung von Zivilisten in Friedenszeiten in der Geschichte des Landes. Die Behörden ordneten am Wochenende die vollständige Räumung der Region Gironde im Südwesten des Landes auf dem Land- und Seeweg an – eine der wichtigsten Urlaubsregionen des Landes. Die Hafenstadt Bordeaux, in deren Metropolregion 850.000 Menschen leben, hat mit der Ausarbeitung von Plänen für eine Evakuierung begonnen.

Bis Sonntag waren mehr als 220.000 Menschen aus dem Gefahrenbereich des größten Waldbrands im Südwesten Frankreichs evakuiert worden. Landesweit sind fast 98.000 Hektar Wald verbrannt – ein Rekordwert. Der Brand, der am Mittwoch im Département Gironde nahe Saumos begann, schafft sein eigenes Wetter. Der Vorsitzende der Feuerwehrgewerkschaft von Gironde, Sébastien Berge, erklärte, seine Leute seien von einer mehr als 20 Kilometer langen Feuerfront „überwältigt“ worden. Am Sonntag erklärte Nuñez, die Brände seien „weiterhin äußerst heftig und unberechenbar“ und näherten sich Bordeaux.

Rund 44.000 Menschen flohen von der Halbinsel Cap Ferret an der Atlantikküste, deren einzige Zufahrtsstraße von den Flammen bedroht war. Hunderte wurden mit Booten von den Anlegestellen weggebracht. Bei Biscarrosse im Süden wurden u.a. ein Sommerlager für Kinder und ein Altenheim evakuiert. Jean Mazodier (86), der im Morgengrauen aus seinem Haus im Wald evakuiert wurde, erklärte gegenüber Le Monde: „Alles ist abgebrannt. Das ist, als würde man ein Kind verlieren.“

Bis zum Wochenende hatte sich das Feuer auf Bordeaux zubewegt. Für immer weitere Vororte sowie den Flughafen der Stadt wurden Evakuierungsanordnungen ausgegeben, nachdem in der Nacht 55.000 Menschen aus Ortschaften am Rand der Stadt evakuiert worden waren. Bürgermeister Thomas Cazenave erklärte, der Brand sei „vor den Toren der Metropolregion“, und der Stadtrat prüfe Szenarien bis hin zu einer vollständigen Evakuierung. Bei der Bekämpfung der Brände im Südwesten wurden 68 Feuerwehrleute verletzt.

Mehr als 1.500 französische Soldaten und zusätzliche 1.700 Sicherheitskräfte wurden mobilisiert, zudem unterstützte ein militärisches Transportflugzeug des Typs A400M die Löschflugzeuge. Das Finale der Tour de France am Sonntag in Paris wurde verkürzt, nachdem Sicherheitskräfte abgezogen worden waren.

Präsident Emmanuel Macron aktivierte den Zivilschutz-Mechanismus der Europäischen Union und mobilisierte so Flugzeuge und Personal aus Kroatien, Portugal, Tschechien und der Slowakei, während Deutschland Hubschrauber und Rettungsmannschaften entsandte. Dass das Staatsoberhaupt einer der größten Volkswirtschaften der Welt angesichts einer seit Monaten vorhergesagten Notlage auf dem gesamten Kontinent um Flugzeuge bitten muss, ist ein Eingeständnis, dass keine kapitalistische Regierung in Europa über die Mittel verfügt, um ihre Bevölkerung zu schützen.

Evakuierte in einer Notunterkunft im Messezentrum von Bordeaux am Sonntag, dem 26. Juli 2026, nachdem sie wegen der Waldbrände ihre Häuser außerhalb der Stadt verlassen mussten [AP Photo/Caroline Blumberg]

In Spanien wurde am Donnerstag erstmals überhaupt wegen Waldbränden der nationale Notstand ausgerufen. Mehr als 90.000 Menschen wurden zur Flucht aufgefordert. Einen derartigen Aufruf gab es bisher nur einmal, während des landesweiten Blackouts im April 2025. Am Samstagabend teilte das Innenministerium mit, dass ein Mann tot in seinem Auto in einer Schlucht nahe Valencia aufgefunden worden sei. Drei Feuerwehrleute kamen ums Leben: einer in Italien und zwei in Frankreich.

Zwei durch den Wind angefachte Brände in den Provinzen Ávila und Madrid vereinten sich zu einem einzigen Großbrand, der sich auf die Gemeinden Robledo de Chavela und Fresnedillas de la Oliva – etwa 50 km westlich der Hauptstadt – zubewegte. Daraufhin übernahm die militärische Katastrophenschutzeinheit die Einsatzleitung. In der Region Madrid wurden fast 30.000 Menschen evakuiert; weitere Evakuierungen erfolgten nahe Toledo sowie in Castellón im Osten des Landes.

Der Leiter des regionalen Katastrophenschutzes von Madrid, Carlos Novillo, gab zu, dass das Feuer „seinen Höhepunkt erreicht hat und die Einsatzkräfte derzeit nicht mehr in der Lage sind, es einzudämmen“. Regionalpräsidentin Isabel Diaz Ayuso sprach von dem „schlimmsten Waldbrand in der Geschichte unserer Region“. Laut El mundo sind in der Region Madrid 24.000 Hektar niedergebrannt, in der Provinz Ávila 21.000. Auch Spanien hat Flugzeuge über den EU-Mechanismus angefordert.

In Italien sind seit Jahresbeginn landesweit mehr als 40.000 Hektar verbrannt, was eine Steigerung um 81 Prozent im Vergleich zum bisherigen Durchschnitt bedeutet. Auf Sizilien, wo die Temperaturen bei über 40 Grad lagen, wüten seit Tagen Waldbrände, und heiße Windböen fachen die Flammen weiter an. Mitte letzter Woche waren laut Regionalpräsident Renato Schifani etwa 6.000 Feuerwehrleute, Forstbeamte und Beamte des Zivilschutzes bei mindestens 50 Bränden mit Unterstützung von Löschflugzeugen auf der Insel im Einsatz.

An diesem Wochenende breiteten sich die Brände von Sizilien auf das Festland aus. Am Sonntag erreichte ein Großbrand auf der Halbinsel Gargano in Puglia die Küste, und mehr als 1.000 Touristen mussten mit Booten von den Stränden evakuiert werden. In Sizilien rief der Zivilschutz erneut die höchste Waldbrandwarnstufe für die Provinzen Palermo und Trapani aus.

In Griechenland kämpften Feuerwehrleute innerhalb von 24 Stunden gegen 50 Flächen- und Waldbrände in mehreren Regionen. To Vima berichtete am Donnerstag, die meisten dieser Brände seien bereits in der Anfangsphase von Boden- und Lufteinheiten unter Kontrolle gebracht worden. Die größten Einsätze fanden in Zoniana im Regionalbezirk Rethymno auf Kreta, bei Afidnes in Attika, bei Ano Kerasovo nahe Agrinio, bei Kalligata auf der Insel Kefalonia, bei Imero Pefko in Pikermi und in Perachora nahe Loutraki statt. In Attika (einschließlich der Hauptstadt Athen), Evia und auf Rhodos wurde aufgrund der extrem hohen Waldbrandgefahr die höchste Warnstufe ausgerufen.

In weiten Teilen Südeuropas wüten schlimmere Waldbrände als je zuvor, und das ist das Ergebnis der Untätigkeit der jeweiligen Regierungen. Keine von ihnen hat die notwendigen Maßnahmen zur Begrenzung von CO₂-Emissionen und der globalen Erwärmung durchgesetzt. Sie haben die Lage im Gegenteil durch jahrzehntelange Mittelkürzungen bei der Forstwirtschaft und dem Katastrophenschutz verschlimmert.

Nicht nur in den heißeren Klimazonen, sondern auch im Norden, vom Vereinigten Königreich bis Norwegen, sind Waldbrände ausgebrochen.

Großbritannien, die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt, verfügt über keinerlei Kapazitäten zur Brandbekämpfung aus der Luft. Im Nationalpark Cairngorms in Schottland wütet seit dem 15. Juli ein Waldbrand, zu dessen Bekämpfung mehr als 500 Feuerwehrleute im Einsatz sind. Der First Minister der Scottish National Party, John Swinney, bat die britische Labour-Regierung von Andy Burnham um „militärische Unterstützung aus der Luft … und wir warten auf eine Antwort“.

Nord-Wales und die Region Upper Severn sind die ersten Teile von Großbritannien, in denen eine Dürre ausgerufen wurde, nachdem im Juli nur drei Prozent ihrer durchschnittlichen Niederschlagsmenge gefallen ist. Für die kommende Woche ist bereits die vierte Hitzewelle vorhergesagt. Laut einer diese Woche vom Konsortium „World Weather Attribution“ veröffentlichten Analyse sind die Verdunstungsbedingungen, die zur Austrocknung des Kontinents führen, durch die globale Erwärmung in Westeuropa 80-mal und in Osteuropa 40-mal wahrscheinlicher geworden.

Am Freitag warnte der WHO-Regionaldirektor für Europa, Hans Henri P. Kluge: „Da der Klimawandel zu einer globalen Erwärmung führt, müssen wir uns auf häufigere und heftigere Waldbrände vorbereiten.“ Seit 2022 ist die Zahl der Waldbrände in der WHO-Region Europa um 57 Prozent gestiegen. Portugal und Spanien verzeichneten in diesem Jahr eine 100-prozentige Zunahme von Bränden im Vergleich zu 2025.

Laut dem europäischen Waldbrand-Informationssystem EFFIS brannten alleine im letzten Jahr etwa 2,2 Millionen Hektar nieder; bis zum 22. Juli dieses Jahres wurden bereits 254.388 Hektar zerstört. Seither ist das Ausmaß der Zerstörung erheblich gestiegen.

Frankreich ist das Land, das weltweit von den meisten Touristen besucht wird; jährlich sind es mehr als 100 Millionen ausländische Gäste, wobei Paris eine zentrale Rolle spielt. Die Reaktion des französischen Staats auf die anhaltende soziale Katastrophe lautete, dass nichts den Nettogewinn beeinträchtigen darf. Die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Éléonore Caroit, erklärte am Samstag gegenüber BBC, Touristen sollten ihre Urlaube nicht stornieren: „Ich bin in Paris, und es passiert nichts [!], und in den meisten anderen Regionen ist es alles in Ordnung.“

Kaum zwei Wochen zuvor waren etwa 2.000 Hektar Wald in Fontainebleau südöstlich von Paris niedergebrannt, weswegen 1.000 Menschen evakuiert werden mussten und Löschflugzeuge Wasser aus der Seine schöpfen mussten, um erstmals in der Geschichte die Hauptstadtregion zu schützen.

Wie die WSWS Mitte Juli berichtete, hatte die europäische Überwachungsstelle für Sterblichkeit, EuroMOMO, zu diesem Zeitpunkt bereits 10.600 Todesfälle durch Sommerhitze festgestellt. Eine Analyse von Politico bezifferte die Übersterblichkeit in Deutschland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Spanien und dem Vereinigten Königreich alleine während der Hitzewelle im Juni auf 14.000. Todesfälle in anderen stark betroffenen Ländern wie Italien, Portugal und Griechenland sind dabei noch gar nicht mitgezählt.

Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass extreme Hitze in Europa innerhalb von vier Jahren etwa 200.000 Todesopfer gefordert hat, die nach ihrer Einschätzung größtenteils „vollständig vermeidbar“ gewesen wären.

Man hat dies sehenden Auges zugelassen, weil die superreiche Kapitalistenklasse und die Regierungen, die ihr dienen, alle Ressourcen der Gesellschaft in andere Kanäle lenkt. Die gleichen Regierungen, die jetzt um Löschflugzeuge flehen, pumpen gerade hunderte Milliarden Euro in die Aufrüstung. Sechs der führenden europäischen Ölkonzerne haben im ersten Quartal dieses Jahres 21,7 Milliarden Dollar Gewinn gemacht – 43 Prozent mehr als 2025.

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