In nur drei Wochen läuft die Frist für eine Stimmabgabe für die Wahl von Spitzenfunktionären der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW), einschließlich ihres Präsidenten, ab. Am 5. Oktober müssen die Briefwahlunterlagen eingereicht und ausgezählt sein.
Die Arbeiterklasse ist derweil mit immer schärferen wirtschaftlichen Angriffen konfrontiert. Die Arbeitsplätze sind infolge von Automatisierung bedroht, während die Inflation, angeheizt durch den verbrecherischen Irankrieg der Trump-Regierung und ihre Handelskriegspolitik, ständig steigt. Da sich auch die Arbeitsbedingungen in den Fabriken verschlechtern, wächst der Widerstand gegen UAW-Amtsinhaber Shawn Fain, der vor drei Jahren, im Tarifkampf 2023, für einen üblen Verrat verantwortlich war.
Der Ausverkauf im Jahr 2023 führte zur Vernichtung von Tausenden von Arbeitsplätzen bei GM, Ford und Stellantis, zu mindestens vier Todesfällen in den drei großen Autokonzernen und einer massiven Zunahme von erzwungenen Überstunden. Gleichzeitig sah sich die UAW unter Fain mit dem wachsenden Widerstand der schlecht bezahlten Arbeiter in der Zuliefererindustrie konfrontiert, u.a. bei Nexteer und Dana, wo wiederholt von der UAW unterstützte Tarifverträge abgelehnt wurden. Auch studentische Beschäftigte, u.a. an der University of California in Columbia, wollten streiken – nicht nur für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen, sondern auch gegen Trumps Hexenjagd auf Anti-Genozid-Demonstranten und andere Gegner imperialistischer Kriege.
Die Mainstreammedien und politische Kräfte wie die Democratic Socialists of America haben Fain als „Gewerkschaftsreformer“ dargestellt. Er unterstützte Joe Biden, während der demokratische Präsident den von den USA mitgetragenen israelischen Völkermord in Gaza verantwortete, und nach Trumps Wiederwahl wurde er einer der eifrigsten Befürworter der Zölle gegen Kanada, Mexiko und andere Länder.
Fain hat fünf Herausforderer: Vizepräsident Richard Boyer, Chefunterhändler beim UAW-Stellantis-Ausverkaufsabkommen, Tricia Geiger, eine langjährige UAW-Funktionärin, Greg Mooney, einen Anhänger der Autoworkers for Trump, Brian Keller, ein Stellantis-Arbeiter, der Fain in der Stichwahl 2022 unterstützt hat und ein überzeugter Wirtschaftsnationalist ist, und Will Lehman, ein Arbeiter bei Mack Trucks und sozialistischer Kandidat für das Amt des UAW-Präsidenten.
Lehman hat für seine Forderungen nach der Abschaffung des UAW-Apparats und der Übergabe der Macht an die Arbeiter in den Betrieben immer mehr an Unterstützung gewonnen. Er ruft zur Einheit der amerikanischen, kanadischen und mexikanischen Arbeiter gegen Trumps Zölle und den Angriff der globalen Autokonzerne auf. Unterstrichen wird sein Aufruf durch die jüngste Ankündigung von Volkswagen, zwischen 50.000 und 100.000 Arbeitsplätze abzubauen.
Der Kampf für Bogdan Syrotjuks Freiheit
Lehman veröffentlichte auf seiner Wahlkampfwebsite eine Reihe von Videos, in der er die grundlegenden Fragen aufgreift, mit denen Autoarbeiter konfrontiert sind, allen voran der Widerstand gegen den eskalierenden Kurs auf einen Weltkrieg.
In einem am 6. September veröffentlichten Video forderte Lehman die sofortige und bedingungslose Freilassung von Bogdan Syrotiuk. Der 27-jährige ukrainische Sozialist und Kriegsgegner war am 10. August zu 15 Jahren Haft verurteilt worden, weil er geschrieben hatte, russische und ukrainische Arbeiter hätten keinen Grund, einander zu töten. Stattdessen hatte er sie aufgerufen, sich gegen den Krieg zu vereinen.
Lehman erklärt darin: „Man hat uns viereinhalb Jahre lang erzählt, die Ukraine würde einen Krieg für Demokratie führen. In Wirklichkeit ist sie zu einem Polizeistaat geworden, in dem linke Gegner eingesperrt werden.“ Er weist darauf hin, dass Selenskyjs Amtszeit im Mai 2024 abgelaufen ist und dass er seither unter dauerhaftem Kriegsrecht per Dekret regiert. Elf Oppositionsparteien sind suspendiert, die größte davon verboten, und auch Streiks sind verboten worden.
Lehman weist warnend darauf hin, dass der Krieg in der Ukraine zum „zentralen Schlachtfeld in den ersten Stadien eines dritten Weltkriegs [geworden ist], das jetzt mit Trumps verbrecherischem Krieg gegen den Iran zusammenfällt“.
Lehman erwähnt auch, dass UAW-Mitglieder bei General Dynamics Electric Boat, Lockheed Martin und General Dynamics Land Systems Waffen bauen, und dass Werke im ganzen Land auf Krieg umgestellt werden. Er erklärt: „Die Mittel zur Zerstörung müssen in Produktionsmittel zur Erfüllung menschlicher Bedürfnisse umgewandelt werden. Alle Arbeitsplätze müssen verteidigt werden, und die Arbeiter, die die Arbeit verrichten, müssen selbst bestimmen, was produziert wird.“
Dem stellt er Fains Bilanz gegenüber. Obwohl sich Fain als Kriegsgegner darstelle, habe der Amtsinhaber UAW-Werke jahrelang als das „Arsenal der Demokratie“ propagiert. Er habe während des Ukraine-Kriegs zu Bidens engsten Verbündeten in den Gewerkschaften gehört und „Genocide Joe“ bei der politischen Konferenz der UAW im Januar 2024 unterstützt, während das Gemetzel in Gaza stattfand. Delegierte, die „Waffenstillstand jetzt“ skandierten, wurden damals vom UAW-Sicherheitsdienst und dem Secret Service aus der Halle geschleift.
„Unsere Löhne reichen nicht für Lebensmittel und Miete“
In einem zweiten Video vom 7. September, dem Tag der Arbeit in den USA, schildert Lehman die Bedingungen, mit welchen die Arbeiterklasse an diesem Tag konfrontiert ist. Seit Anfang 2024 wurden mehr als 21.000 Arbeitsplätze in der Autoindustrie vernichtet, und von jedem Dollar, den Arbeiter erwirtschaften, erhalten sie weniger als 53 Cent als Lohn zurück, was der niedrigste Anteil seit Beginn der staatlichen Erfassung dieser Daten 1947 ist. Lehman erklärt: „Unsere Löhne reichen nicht für Lebensmittel und Miete.“
Am 12. Juni, drei Tage vor Beginn der UAW-Konferenz, wurde Elon Musk zum ersten Dollar-Billionär der Menschheitsgeschichte. Das reichste Prozent besitzt fast ein Drittel des gesamten Vermögens im Land, die untere Hälfte kaum 2,5 Prozent. Mehr als 5.000 Arbeiter kommen jährlich am Arbeitsplatz ums Leben. In diesem Sommer wurden Arbeiter auf Tragen aus den Werken gebracht, weil der Rauch von Waldbränden in die Gebäude eindrang, das Management aber weiterarbeiten ließ.
Lehman erklärt: „Das sind keine voneinander getrennten Probleme. Sie sind Teil der gleichen Offensive der herrschenden Klasse, die unsere Löhne kürzt, einen Weltkrieg führt, ICE-Agenten auf Immigranten hetzt und unsere demokratischen Rechte abschafft.“
Wie er betont, verfügt die Arbeiterklasse über enorme soziale Macht, aber „uns sind die Hände gebunden, weil die Gewerkschaften von einer Schicht aus Bürokraten geführt werden, deren Gehälter, Investitionen und deren gesamte gesellschaftliche Stellung nicht an uns, sondern an die Unternehmen gebunden sind.“
Unterdrückung von Wählern und der Kampf für Aktionskomitees
Ein drittes Video vom 10. September ging darauf ein, mit welchen Hindernissen Arbeiter selbst bei der Abgabe ihrer Stimme konfrontiert sind. Die Wahlunterlagen wurden am 21. August verschickt; hat ein Mitglied jedoch keine erhalten, hat es nur bis zum 23. September Zeit, um unter uawvote.com Ersatz zu beantragen. Der 30. September ist der letzte Tag, um Mitgliedsbeiträge zu zahlen, und der 5. Oktober ist der Stichtag für den Eingang der Wahlunterlagen.
Lehman dokumentierte, was er die „systematische Unterdrückung von Wählern“ durch den Apparat bezeichnete. Vor vier Jahren, bei der ersten direkten Wahl von internationalen Funktionären in der Geschichte der UAW, gaben nur neun Prozent der Mitglieder ihre Stimme ab – die niedrigste Beteiligung bei einer landesweiten Gewerkschaftswahl in der Geschichte der USA. Es wurden mehr Wahlunterlagen als „unzustellbar“ zurückgeschickt, als überhaupt abgegeben wurden. Von einem Ortsverband an einer kalifornischen Universität mit mehr als 11.000 Mitgliedern gingen nur 29 Stimmzettel ein.
Die Ereignisse vom Januar 2026 in Minneapolis haben die ganze Welt schockiert und deutlich gemacht, dass die Umwandlung der amerikanischen Demokratie in einen Militär- und Polizeistaat nicht länger nur eine theoretische Möglichkeit ist. Sie vollzieht sich vor unseren Augen.
Lehman erklärte dazu: „Das lag nicht an der Apathie der Wähler, sondern daran, dass sie unterdrückt wurden. Ein Arbeiter, der keine Unterlagen bekommt, kann sie auch nicht zurückschicken.“ Fain gewann in der Stichwahl mit den Stimmen von nur sechs Prozent der Wähler. Lehman klagte gegen die Unterdrückung der Wähler, und im Juni 2024 erklärte ein Bundesrichter, das Arbeitsministerium habe willkürlich und unvernünftig gehandelt – doch das Ergebnis blieb unter sowohl der demokratischen als auch der republikanischen Regierung bestehen.
Lehman kam zu dem Schluss: „Kein Gericht und keine Bundesbehörde wird das in Ordnung bringen. Die einzigen, die den Arbeitern in eurem Werk sagen, dass diese Wahl überhaupt stattfindet, seid ihr und eure Kollegen, vereint in einem Aktionskomitee.“
„Nur dem Namen nach eine Gewerkschaft“
Anfang September besuchte Lehman für seinen Wahlkampf Werke in den Stadtgebieten von Detroit und Toledo (Ohio). Im Stellantis-Fertigungswerk in Toledo sprach er am 2. September mit einer UAW-Arbeiterin, die in der fünften Generation dort arbeitet, über die Bedingungen seit dem Ausverkauf von 2023, auf den der Tod von Antonio Gaston und ein sprunghafter Anstieg der Verletzungen folgten, verursacht durch Arbeitsplatzabbau und erzwungene Überstunden, die mit dem Segen der Bürokratie eingeführt wurden.

Ein viertes Video vom 10. September zeigt das Gespräch. Die Arbeiterin erklärte: „Das ist keine Gewerkschaft, das kann ich dir sagen. Es ergibt absolut keinen Sinn, dass Leute aus Detroit nach Toledo fahren, und Leute in Toledo nach Detroit. Alles dient dazu, dass wir gegeneinander arbeiten. Nichts soll dafür sorgen, dass wir zusammenarbeiten.“
Lehman erklärte, die UAW sei „nur dem Namen nach eine Gewerkschaft. Wir müssen die Schicht abschaffen, die uns blockiert. Das sind die Vertreter, die den Bezug zur Basis verloren haben.“
In Bezug auf Gaston und andere Arbeiter, die in dem Werk getötet wurden, sagte sie: „Wir verlieren zu viele Männer und Frauen bei Unfällen. Es ist einfach nicht akzeptabel. Sie zwingen uns hier. Die Leute sind müde. Die Leute sind überarbeitet.“
Sie erinnerte an den Ausstand im März 2020 wegen Covid, als die Arbeiter ohnmächtig wurden und zusammenbrachen, während das Management sagte: „Arbeitet, arbeitet, arbeitet“ – bis die Arbeiter, darunter junge Mütter, das UAW-Büro stürmten und die Stilllegung des Werks erzwangen. „Später hörte ich, wie sie in den Nachrichten sagten, sie hätten das Werk geschlossen, weil ,wir euch Leute lieben‘. So war es nicht. Es war ein Ausstand, und die Arbeiter haben ihn erzwungen.
Alle Führungskräfte da oben, egal wo sie sind, keiner von ihnen tut, was sie tun sollen. Es gibt zu viel Lügerei, Betrügerei und Stehlen.“
Lehman stimmte zu, dass der Ausstand „eine Aktion war, die von den Arbeitern angeführt wurde. Wir brauchen Organisation und Führung. Das meine ich, wenn ich davon spreche, Aktionskomitees zu gründen. Es geht darum, von der Basis aus zu führen.“
