Schließung des Russischen Hauses in Berlin: Ein Schlag gegen die Kultur im Dienst des Krieges

„Мы закрыты – wir sind geschlossen.“ Es ist Dienstag, der 8. September. Ein Sicherheitsmitarbeiter weist alle paar Minuten Besucher ab, die sich das Russische Haus der Wissenschaft und Kultur an der Berliner Friedrichstraße anschauen wollen. Nur das Café mit russischen Spezialitäten hat noch geöffnet. Ansonsten ist es dunkel und menschenleer in der riesigen Kultureinrichtung im Herzen Berlins.

Es ist ein schwerer Schlag für die Kultur: Das Russische Haus, das 1984 in der DDR als „Haus der Sowjetischen Wissenschaft und Kultur“ gegründet wurde und über Jahrzehnte ein zentraler Ort des deutsch-russischen Kulturlebens war, steht vor dem Aus. Auch die offizielle Website des Hauses ist mittlerweile abgeschaltet.

Das Russische Haus an der Friedrichstraße in Berlin, 8. September 2026

Am 1. September hat die Bundesregierung das deutsch-russische Kulturabkommen von 2011 gekündigt und damit den Vertrag für den Betrieb des Russischen Hauses zum Juni 2027 beendet. Als Vorwand nutzte sie den Drohnenfund am Leipziger Flughafen, für den sie ohne stichhaltige und nachprüfbare Beweise Russland verantwortlich macht. Der Vorwurf dient einer erneuten Verschärfung der Propaganda, um die Bevölkerung auf den Kriegskurs gegen Russland einzuschwören.

Auch das russische Generalkonsulat Bonn muss bis zum 18. September schließen. 2023 hatte die deutsche Regierung bereits die Schließung der vier russischen Konsulate in Frankfurt, Hamburg, Leipzig und München erzwungen. Damit sind alle fünf Konsulate und das Russische Haus geschlossen – es bleibt nur noch eine einzige offizielle diplomatische Verbindung zu Moskau: die Botschaft in Berlin.

Rund 50 Beschäftigte des Russischen Hauses wurden entlassen, darunter auch zahlreiche Lehrkräfte. Führende Mitarbeiter russischer Staatsangehörigkeit, unter ihnen die kommissarische Leiterin, sind bereits ausgereist. Sie wurden von den deutschen Behörden angewiesen, innerhalb weniger Tage zu packen und mit ihren Familien das Land zu verlassen. Pawel Iswolski, seit 2017 Direktor des Hauses, war schon im Mai zurückgetreten und ausgereist, weil die deutschen Behörden seine diplomatische Akkreditierung nicht verlängert hatten.

Das gekündigte Abkommen betrifft das Gebäude des Hauses, das der Russischen Föderation gehört. Das Grundstück hingegen ist im Besitz der Bundesrepublik, die auch die Grundsteuer zahlt. Ein Liegenschaftsabkommen mit einer Laufzeit von 99 Jahren schützt das Gebäude vorerst vor Vollstreckung.

Moskau reagierte mit der Schließung des deutschen Generalkonsulats in St. Petersburg sowie aller drei Goethe-Institute in Moskau, St. Petersburg und Nowosibirsk zum 13. September dieses Jahres. Es bedeutet das Ende einer seit über 30 Jahren währenden deutschen Kultur- und Bildungsarbeit in Russland.

Die Schließung der letzten großen bilateralen Kultureinrichtungen auf beiden Seiten markiert einen historischen Bruch und einen gefährlichen Schritt der Eskalation im Ukrainekrieg. Berlin provoziert immer aggressiver einen heißen Krieg mit Russland und kappt deshalb sämtliche diplomatischen und kulturellen Kommunikationswege und Verbindungen, die seit dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut wurden.

Eingangsfoyer des Russischen Hauses mit einer Büste von Juri Gagarin, hinter der Treppe liegt das Filmtheater, 8. September 2026

Das Russische Haus in Berlin-Mitte war eine der größten und traditionsreichsten russischen Kultureinrichtungen im Ausland. Das massive Gebäude, das nach Entwürfen des DDR-Architekten Karl-Ernst Swora Anfang der 1980er Jahre erbaut wurde, umfasst rund 29.000 m² auf sieben Stockwerken. Direkt im Eingangsfoyer steht eine übergroße Büste des sowjetischen Kosmonauten Juri Gagarin, dem ersten Menschen im Weltraum. Früher stand dort eine Lenin-Statue, die nach dem Ende der DDR abgebaut wurde.

Eine kleine Ausstellung im Foyer, die nun abgebaut ist, widmete sich der 40-jährigen Geschichte des Hauses. Das Kulturzentrum habe sich „zu einer Brücke zwischen den Völkern beider Länder entwickelt“ und spiele eine wichtige Rolle als „Ort des Dialogs und der Verständigung“, heißt es dort in der Einleitung.

Streift man durch den nun leeren Sowjetbau mit weißen Fresken an den Wänden, liest man „Tschechow-Saal“, „Kandinsky-Saal“, „Tolstoi-Saal“ – die Namen der Veranstaltungsräume erinnern an das einstige Kulturprogramm, das nun schlagartig beendet wurde.

Die Eingangstafel zeigt das Angebot des Russischen Hauses auf sieben Etagen, 8. September 2026

Vor dem Ukrainekrieg fanden hier bis zu 400 Veranstaltungen pro Jahr statt. Gleich im Erdgeschoss befanden sich ein Kino, eine Kunstwerkstatt und eine Leselounge mit Büchertausch. Sprachkurse, Konzerte, Kinofilme, Theateraufführungen, Ballettschule, Workshops für Kinder, Kunstausstellungen, eine Bibliothek, ein Café und weitere Angebote zogen nach Angaben der Institution jährlich 200.000 Besucher an. Ein Klavierkonzert mit dem russischen Pianisten Nikolai Kuznetsov stieß noch vor wenigen Monaten auf begeisterte Resonanz.

Blick auf die nun geschlossene Puschkin-Bibliothek mit mehr als 20.000 Bänden russischer Literatur auf Russisch und Deutsch

Zudem vermietete das Haus 64 Wohnungen und hatte ein Reisebüro. Die russische Buchhandlung Mnogoknig, die viele literarische Klassiker, Kinderbücher und Spiele verkauft, ist noch geöffnet, ihr Schicksal laut den Mitarbeitern jedoch ungewiss. In den mittlerweile dunklen Gängen des Foyers hängen noch einige Ausstellungstafeln zum deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 sowie eine Reihe sowjetischer Kunstwerke.

Eins von mehreren Kunstwerken im Foyer des Hauses: Genrich Stopa (1936–2015), Aus der Serie „Erde – Weltraum“, 1982

Die Schließung des Hauses ist nicht nur ein großer Verlust für die deutsche Bevölkerung, sondern ebenso für die russischsprachige Community. Laut Schätzungen aus der Zeit vor 2022 sprechen 2,5 Millionen Menschen in Deutschland überwiegend oder zum Teil Russisch, in Berlin sind es um die 250.000. Mit dem Zustrom Tausender ukrainischer Flüchtlinge in den letzten Jahren dürften diese Zahlen noch gestiegen sein. Nach eigenen Angaben waren 2024 etwa 30 Prozent der Teilnehmer bei den Kinderkursen im Russischen Haus ukrainischer Herkunft.

Für die Arbeiterklasse in Russland und Deutschland, die in zwei Weltkriegen gegeneinander kämpfen musste, war der Zugang zur jeweils anderen Kultur und Sprache von enormer Bedeutung. Nachdem die deutsche Bevölkerung jahrelang von der Nazi-Propaganda gegen den „slawischen Untermenschen“ und den „jüdischen Bolschewismus“ indoktriniert worden war, entwickelte sich ein kultureller Austausch zwischen Studierenden, Schülern, Wissenschaftlern und Arbeitern, die enge persönliche, intellektuelle und kulturelle Beziehungen zueinander aufbauten.

Besonders in der DDR, aber auch in der Bundesrepublik begeisterten sich Millionen Menschen für Puschkin und Tschechow, für Tschaikowski und Schostakowitsch, für die russische Sprache und Kunst – und für die Oktoberrevolution von 1917 und die sowjetische und postsowjetische Geschichte.

Auch wenn die stalinistische Bürokratie und die SPD mit ihrer kapitalistischen „Ostpolitik“ diesen Kultur- und Bildungsaustausch für ihre Interessenpolitik nutzten, war die deutsch-sowjetische bzw. deutsch-russische Freundschaft, in deren Namen auch das Russische Haus gegründet wurde, für die Arbeiterklasse nicht einfach eine leere Floskel. Sie basierte auf einer über Jahrzehnte gewachsenen Verbindung zwischen beiden Kulturen und war getragen von einer weit verbreiteten Antikriegsstimmung: Nie wieder sollten sich die Verbrechen, die im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion begangen wurden, wiederholen und die Menschen beider Länder als Feinde gegeneinander gehetzt werden.

Die Zerstörung dieser kulturellen Bande zeigt auf brutale Weise, wie weit die Vorbereitung auf einen direkten Krieg fortgeschritten ist. Um das Feindbild vom „bösen Russen“ zu schüren, müssen Orte der russischen Literatur und Kunst aus der deutschen Öffentlichkeit verschwinden und die russische Sprache als verpönte „Sprache des Feindes“ diffamiert werden. Diese Logik der Kriegspolitik erfasst zunehmend auch Kultur und Wissenschaft.

Die Kampagne gegen das Russische Haus

Die rechtliche Grundlage für die Tätigkeit der Goethe-Institute und des Russischen Hauses bildeten zwei Kulturabkommen nach der Wende: eines von 1993 und ein zweites von 2011, das der damalige deutsche Außenminister Guido Westerwelle (FDP) und sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz unterzeichneten.

Drei Jahre später verkündete die Bundesregierung auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2014 die Rückkehr zu einer aggressiven deutschen Großmachtpolitik. Der damit verbundene Kurswechsel gegenüber Russland wurde mit der Unterstützung des Maidan-Putschs in der Ukraine erstmals in die Tat umgesetzt. Zugleich setzte eine Offensive des Geschichtsrevisionismus ein, um die Verbrechen des deutschen Imperialismus im Ersten und Zweiten Weltkrieg zu verharmlosen.

2022 nutzte die Bundesregierung dann den reaktionären Einmarsch Putins in die Ukraine, um die militärische Aufrüstung massiv zu eskalieren und eine beispiellose Kampagne gegen russische Kunst und Wissenschaft zu entfesseln. Die Invasion war ein Verbrechen der russischen Oligarchie, aber sie wurde durch die jahrzehntelange NATO-Osterweiterung und militärische Einkreisung Russlands bewusst provoziert.

Die Sanktionen gegen Russland hatten weitreichende Konsequenzen im Kulturbereich. Die Kooperation zwischen Universitäten, Museen und Kultureinrichtungen beider Länder kam zum Erliegen. Auch die staatliche Agentur Rossotrudnitschestwo, die das Russische Haus betreibt, wurde von der Europäischen Union auf die Sanktionsliste gesetzt – wegen angeblicher „hybrider Einflussnahme“.

Seit Kriegsbeginn mussten mehrere der über 80 russischen Häuser weltweit schließen, darunter in Slowenien, Rumänien, Kroatien, Dänemark, Aserbaidschan und Moldau. Zwölf Häuser in Europa sind weiterhin offen, etwa in Paris, Rom und Budapest. Rossotrudnitschestwo hat angekündigt, nun neue Standorte in mehreren afrikanischen Ländern sowie in Thailand und Armenien zu eröffnen.

Seit 2022 läuft eine mediale und politische Kampagne gegen das Russische Haus, das als Propagandazentrum des Kremls dargestellt wird. An der Spitze stehen die etablierten Parteien SPD, CDU und Grüne und ihr Hausorgan, die Tageszeitung taz, sowie der Berliner Verein Vitsche e.V., der von ukrainischen Nationalisten gegründet wurde.

Dieser Verein organisierte schon ab Ende 2022 Proteste vor dem Haus und veranstaltete ein Referendum, in dem die Teilnehmer abstimmen sollten, „ob das russische Haus als Institution seine Daseinsberechtigung verlieren und seine Räumlichkeiten an die ukrainische Gemeinde übergeben soll“. Am 9. Mai 2024, dem Jahrestag der Befreiung vom Faschismus, forderte Vitsche mit einer eigenen Pressekonferenz die Umwandlung des Russischen Hauses in ein „Dekoloniales Haus“. Und im Mai dieses Jahres spielte der Verein eine wichtige Rolle in der antisowjetischen Kampagne rund um den Jahrestag des Kriegsendes. Er hat sogar eine eigene Website entworfen, die ausschließlich der „Entlarvung“ des Russischen Hauses gewidmet ist.

Juristische Versuche, das Haus zu Fall zu bringen, blieben erfolglos. Zwar urteilte im Juni 2025 das Verwaltungsgericht München, dass es aufgrund der EU-Sanktionen gegen Rossotrudnitschestwo nur „Substanzerhalt“ betreiben dürfe. Doch das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Schon 2023 zeigte der Grünen-Politiker Volker Beck das Haus wegen „russischer Propaganda“ an, doch die strafrechtlichen Ermittlungen wurden eingestellt, weil die Leitung des Hauses einen Diplomatenstatus hatte.

In den vergangenen Monaten wurde die Kampagne dann gezielt eskaliert und zum Wahlkampfthema bei der Berlin-Wahl gemacht. Im Dezember vergangenen Jahres forderten führende Außenpolitiker, das Haus zu schließen. Es sei eine „Propagandabude“ für Putins Informationskrieg (Robin Wagener, Grüne) und ein „politisches Instrument Russlands“ (Roderich Kiesewetter, CDU).

Nach dem Drohnenfund in Leipzig Anfang August riefen die Kandidaten der CDU, Grünen und SPD immer lauter nach der Schließung des Hauses, das einen „hybriden Krieg“ gegen Deutschland unterstützen würde. Sie stürzten sich auf die unbelegte Aussage des französischen Innenministeriums, die Kultureinrichtung werde von den russischen Geheimdiensten als „Tarnung“ genutzt.

Diese Vorwürfe sind völlig verlogen. Weder Correctiv noch der rbb liefern in ihren Berichten handfeste Beweise für eine Unterwanderung durch Geheimdienstler. Als verdächtige Indizien gelten etwa im Haus gemeldete Diplomaten oder ehemalige RT-Mitarbeiter, ein angeblich hoher Energieverbrauch und auffällige Handy- und GPS-Signale – bei näherem Hinsehen erweist sich das alles als unbedeutend.

So wie die Bundesregierung die Goethe-Institute für ihre kulturpolitische Agenda einspannt, hat auch der Kreml das Russische Haus als Aushängeschild für seine nationalistische Politik genutzt. Das ist fraglos der Fall, ändert aber nichts an der immensen Kulturarbeit, die hier geleistet wurde.

Unter dem rbb-Bericht äußern mehrere Zuschauer Kritik an der Schließung. Annette aus Berlin schreibt: „Ich bin nun überhaupt keine Putinverfechterin, aber das Russische Haus [...] war für mich immer ein Ort von Kunst und Kultur, Plattform für Austausch, Präsentationen und Diskussionen, Freiraum für Kulturschaffende von Allerorten.“ Sie befürchtet, dass hier aus wirtschaftlichen Interessen ein Kulturraum abgeschafft werde, und warnt: „Hier wird hinterhältig, geradezu AfD-mäßig, aufgewiegelt, das ist erschreckend. ‚Das Erste, das im Krieg zum Opfer wird, ist immer die Wahrheit.‘“

Die rechtsextreme AfD und die rechte, migrantenfeindliche Wagenknecht-Partei BSW haben versucht, die Opposition gegen die Schließung und den Ukrainekrieg insgesamt für ihre nationalistische Politik einzuspannen. Bei einem Protest des BSW vor dem Haus versammelten sich laut Polizei rund 600 Menschen; zur Gegenkundgebung von Vitsche, bei der die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus Bettina Jarasch sprach, kamen nur etwa 100.

Die Linkspartei hat keine offizielle Stellungnahme gegen die Schließung veröffentlicht. Maren Kaminski, Sprecherin der Linken für auswärtige Kulturpolitik, beklagte lediglich gegenüber dem Deutschlandfunk, dass der Schritt die Goethe-Institute und den weiteren Austausch mit Menschen in Russland gefährde. Der Berliner Landesvorsitzende der Linken Maximilian Schirmer hatte im vergangenen Jahr gegenüber der Berliner Zeitung von einer „russischen Propagandainstitution“ gesprochen und erklärt, man könne prüfen, ob der Betrieb des Russischen Hauses untersagt oder das Gebäude beschlagnahmt werden könne. Das wundert nicht, denn die Linkspartei unterstützt die militärische Aufrüstung, der sie auch im Bundesrat zugestimmt hat.

Die Sozialistische Gleichheitspartei (SGP) tritt zur Berlin-Wahl als einzige Partei mit einem sozialistischen Programm gegen die Kriegspropaganda und Aufrüstung an. Der Schutz kultureller Einrichtungen wie des Russischen Hauses erfordert einen politischen Kampf der Arbeiterklasse gegen die Kriegspolitik. Wir erklären in unserem Wahlprogramm:

Krieg und Militarismus können nicht durch pazifistische Appelle an die Kriegstreiber bekämpft werden, sondern nur durch ihre Entmachtung. Die Kriegspolitik ist nicht einfach das Ergebnis falscher Entscheidungen einzelner Politiker. Sie entspringt der tiefen Krise des Kapitalismus, der wie im 20. Jahrhundert wieder zu Krieg und Barbarei führt.

Arbeiter haben im Krieg nichts zu gewinnen, aber alles zu verlieren. Wir stellen deshalb dem wachsenden Nationalismus und dem Krieg die internationale Einheit der Arbeiterklasse entgegen.

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