Perspektive

Europas „Feuerwelle“ und die Klimakrise des globalen Kapitalismus

Feuerwehrleute versuchen, einen Waldbrand in der Nähe von Le Las vor Bordeaux einzudämmen, 27. Juli 2026 [AP Photo/Emma Da Silva]

Die französischen Behörden erwägen angesichts der wütenden Waldbrände die Evakuierung von Bordeaux. Die Stadt hat mehr als 250.000 Einwohner, während in ihrer Metropolregion 850.000 Menschen leben. Bordeaux, Heimat einiger der renommiertesten Weinbaugebiete der Welt, blickt auf eine mehr als 2.000-jährige Geschichte zurück; über ein Drittel der Stadt gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe.

All dies ist nun von dichtem Rauch bedeckt. Die Waldbrände haben bereits eine Rekordfläche verwüstet und 200.000 Menschen gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Damit steigt die Gesamtzahl der Menschen in Europa, die durch Brände vertrieben wurden, auf 400.000. Die Hitze und der Rauch erzeugen inzwischen eigene Gewitter, die Blitze hervorbringen, welche die Brände weiter verschärfen können.

Dass dies in einem der zehn reichsten Länder der Welt geschehen kann, auf dem Kontinent mit den höchsten Sozialausgaben pro Kopf, ist eine vernichtende Anklage gegen den Kapitalismus.

Die Fahrlässigkeit der Regierung und unzureichende staatliche Finanzierung haben dazu geführt, dass sich die Brände in schlecht bewirtschafteten Wäldern ausbreiten und nicht schnell genug eingedämmt werden konnten. Ein Sprecher der französischen Feuerwehrleute, die täglich im Kampf gegen das Inferno ihr Leben riskieren, sagte gegenüber Reportern unverblümt: „Es ist ein David-gegen-Goliath-Szenario.“ Personal und Ausrüstung sind so knapp, dass europäische Vertreter warnen, die Brände könnten bis in den November hinein wüten.

Die Arbeiter müssen dafür kämpfen, dass die notwendigen Ressourcen bereitgestellt werden, um sofort und umfassend auf die Krise zu reagieren und Europa besser auf die Zukunft vorzubereiten. Doch solche Maßnahmen umzusetzen, ohne zugleich das Gesellschaftssystem anzugehen, das diese Katastrophen hervorbringt, ist wie Feuerlöschen an den Hängen eines Vulkans.

Das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben ist so schlecht organisiert und wird von den Profitinteressen einer obszön reichen Minderheit dominiert, dass ein geschädigtes Klima selbst in den technologisch am weitesten entwickelten Teilen der Welt Millionen Menschen gefährdet. In Spanien, Italien, Griechenland und Großbritannien sowie in weiteren Regionen Frankreichs wüten ebenfalls Brände, die Gebiete in der Nähe von Madrid, Valencia und Paris bedrohen. Erst vor wenigen Wochen war Nordamerika von giftigem Waldbrandrauch eingehüllt.

Wissenschaftler am Imperial College London haben den Begriff „Feuerwelle“ geprägt. Guillermo Rein, Professor für Feuerwissenschaft, beschreibt ihn als Äquivalent zu einer Hitzewelle bei Waldbränden: „eine Phase außergewöhnlich hoher Waldbrandaktivität, die die Einsatzkräfte für den Notfall in einer Stadt, einer Region oder einem Land überfordert“.

Diese Ereignisse sind durch den Anstieg der durchschnittlichen Erdtemperatur infolge der Emissionen aus fossilen Brennstoffen weitaus wahrscheinlicher und schwerwiegender geworden. Sie sind das Ergebnis anhaltender und rekordverdächtiger Hitzewellen – Großbritannien erlebt derzeit bereits die vierte in diesem Jahr – sowie einer sich verschärfenden Dürre.

Diese Bedingungen verursachen nicht nur Waldbrände, sondern haben in ganz Europa bereits weit über 10.000 Menschen das Leben gekostet, nach einer Schätzung der Indiana University sogar bis zu 25.000. Etwa 277.000 Arbeiter wurden verletzt. Sie haben zudem wirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe verursacht, insbesondere in der Landwirtschaft.

Wissenschaftler warnen seit Jahrzehnten vor diesen Gefahren für Europa. Doch die herrschende Klasse, die bereits während der Corona-Pandemie ihre Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem Leid bewiesen hat, unternahm nichts, um die Gefahren abzuwenden.

Aus Sicht der Oligarchie ist das schlicht der Preis des Geschäfts – bezahlt von anderen Menschen mit ihrem Leben, ihrer Gesundheit und ihren Steuern. Was sind schon ein paar Zehntausend Tote im Juni, möglicherweise die Stadt Bordeaux im Juli und wer weiß, wieviele Opfer im August – im Vergleich zu den Milliarden, die unter Missachtung des Klimawandels angehäuft werden können?

Für die Arbeiterklasse weltweit ist die Entwicklung eine ernste Warnung und muss ein Ansporn zum Handeln sein. Die Umweltkatastrophen ereignen sich bereits, obwohl die Erde gerade erst an der Schwelle steht, die globale Erwärmung um 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Durchschnitt zu überschreiten. Die meisten maßgeblichen Prognosen warnen davor, dass die kapitalistischen Regierungen der Welt den Planeten bis 2100 auf fast das Doppelte dieses Wertes (2,8 Grad) treiben werden.

Die Folgen – nicht nur extreme Hitze und Dürre, sondern auch Überschwemmungen und Stürme – verschlimmern sich mit jedem Zehntelgrad exponentiell.

Wie die Autoren dieser Studien warnen, werden die besonders gefährdeten ärmeren Länder in Afrika und Südasien am härtesten betroffen sein. Der Imperialismus hat diesen Ländern jede Chance verwehrt, die Grundlagen einer modernen, nachhaltigen Wirtschaft zu schaffen, und bürdet ihnen nun die schlimmsten Folgen des zügellosen übermäßigen Verbrauchs fossiler Brennstoffe durch die Superreichen auf.

Erst diese Woche begann Uganda damit, Nahrungsmittel zu verteilen, nachdem 19 Menschen an Hunger gestorben waren – inmitten einer anhaltenden Dürre, die 1,5 Millionen Menschen gefährdet.

Extreme Wetterereignisse im Zusammenhang mit dem El-Niño-Wetterphänomen werden laut Prognosen von Goldman-Sachs-Analysten bis 2028 zu einem Anstieg der weltweiten Lebensmittelpreise um fast 16 Prozent führen. Die Investmentbank stellt diese Informationen bereit, weil sich im Kapitalismus die Reichen mehr um die Auswirkungen auf ihre Aktiengeschäfte als um Menschenleben sorgen.

Unterdessen müssen das Welternährungsprogramm und die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen die Regierungen um Geld anbetteln: Sie fordern 202 Millionen Dollar für minimale Maßnahmen zum Schutz von 8,8 Millionen Menschen in 22 besonders gefährdeten Ländern. Bislang ist weniger als ein Fünftel dieser Summe eingegangen.

Die Folgen des Klimawandels sind untrennbar mit all den Verfallserscheinungen des Kapitalismus in seinem Todeskampf verbunden.

Umweltkatastrophen, die durch den Klimawandel entstehen, werden durch die Emissionen der Wirtschaft angeheizt, die die Rüstungsindustrie hochfährt und die Voraussetzungen für die nächste Finanzkrise schafft. Die Folgen – Armut und Krieg – machen weite Teile der Menschheit besonders anfällig für Dürren, Hitzewellen, Überschwemmungen, Stürme und die Ausbreitung von Viren.

Gleichzeitig verschärfen Umweltkrisen den Wettlauf um Ressourcen und führen zu drastischen Einkommensverlusten für die Arbeiterklasse. Laut einem aktuellen Bericht hatten indische Beschäftigte in der Landwirtschaft, im Baugewerbe und im Transportwesen jährliche Lohneinbußen von 6 bis 10 Prozent aufgrund der extremen Hitze im Jahr 2024, die als „Armutsmultiplikator“ bezeichnet wird.

Das derzeitige Epizentrum dieser Katastrophen ist das Horn von Afrika, wo 140 Millionen Menschen leben – eine Zahl, die sich bis 2050 voraussichtlich verdoppeln wird. Die Region leidet unter Dürre und anderen Formen extremer Wetterereignisse, der Düngemittelkrise, die durch den US-Krieg gegen den Iran verursacht wurde, sowie der Zerstörung und Vertreibung durch große lokale Konflikte. Fast 40 Millionen Menschen sind von akuter Ernährungsunsicherheit bedroht, darunter fast 5 Millionen Kinder mit akuter Unterernährung.

Noch nie zuvor war ein Gesellschaftssystem so zerstörerisch, dass es die grundlegendste Voraussetzung der Zivilisation, nämlich die Natur unseres Planeten selbst, gefährdet – nicht nur durch die akute Katastrophe eines Atomkriegs, sondern auch durch die chronische Katastrophe der globalen Erwärmung und des ökologischen Zusammenbruchs.

Wie der Krieg ist auch die Klimakrise eine der entscheidenden Fragen unserer Zeit, die die internationale Arbeiterklasse entweder erdulden oder lösen muss. Es handelt sich nicht, wie rechte Politiker und ihre zahlreichen medialen Sprachrohre behaupten, um eine Frage des „Lebensstils“, die nur für die wohlhabende Mittelschicht von Interesse ist, sondern um eine Frage von Leben und Tod für jeden Arbeiter. Es ist nicht, wie die Grünen behaupten, eine Frage der persönlichen Verantwortung, sondern des kollektiven Klassenkampfs.

Und es ist unvermeidlich eine revolutionäre Frage.

Im Juni veröffentlichte das World Inequality Lab einen „Global Justice Report“. Auf der Grundlage zahlreicher naturwissenschaftlicher, wirtschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Studien zeigt der Bericht auf, dass die materielle Möglichkeit besteht, der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung einen weitaus höheren Lebensstandard zu bieten und gleichzeitig die globale Erwärmung bis 2100 auf 2 Grad zu begrenzen sowie in Anpassungsmaßnahmen zur Bewältigung der Folgen zu investieren.

Die Autoren schlagen jedoch vor, dies mit globalen Vermögenssteuern von bis zu 20 Prozent und globalen Einkommenssteuern von bis zu 90 Prozent zu erreichen. Das beweist nur, wie sinnlos all die reformistischen Wunschträume sind.

Die Oligarchie, die diese Steuern zahlen müsste, wird keinen einzigen Cent abgeben. Die Millionäre und Milliardäre zeigen gerade in Amerika und darüber hinaus, dass sie lieber eine Diktatur in Kauf nehmen würden, als eine Verringerung ihres Vermögens zu akzeptieren. Diese Klassenrealität wird in besonders abstoßender Weise von Donald Trump verkörpert, der die Demokratie mit Füßen tritt und zugleich eine hemmungslose Ausbeutung fossiler Brennstoffe vorantreibt.

Der gesellschaftliche Reichtum, der von den Superreichen monopolisiert wird – und damit auch die Macht, über das Schicksal der Menschheit zu bestimmen – muss durch den Kampf der Arbeiterklasse enteignet werden. Nur durch eine demokratische und wissenschaftliche Planung lässt sich der Widerspruch überwinden, dass die Gesellschaft zwar über genügend Produktivkräfte verfügt, um das Klima des Planeten tiefgreifend zu verändern, aber offenbar nicht in der Lage ist, all ihre Bürger zu ernähren und zu schützen.

Das ist die Perspektive einer sozialistischen Weltrevolution. Die Arbeiter in Europa, die gerade vor den Bränden fliehen, und die gesamte Weltbevölkerung, die von den Folgen der durch den Kapitalismus verursachten Klimakrise bedroht ist, muss für diese Perspektive kämpfen.

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